Die Anekdote einer spontanen, lebensverändernden Maßnahme in mehreren Teilen
1.
Ein Erasmusaufenthalt, zwei Wohnheime, nomadisches Umherstreunen, das Leben aus der Handtasche und 3 x 9qm später, stehe ich in meiner kleinen Höhle über Rewe und komme mir vor wie ein Hamster in seinem Laufrad. Obwohl ich mit meinem gefiederten Mitbewohner und gutem Freund eine überaus angenehm lethargische Symbiose eingegangen bin, überkommt mich der undefinierbare Wunsch nach Veränderung. Zwei Jahre ist es nun her, seitdem ich meine Koffer packte, mein Hab und Gut bei meinen Eltern einlagerte und sich von da an ein 9qm Provisorium an das nächste reihte. Quadratisch, praktisch, möbliert. Drei Wörter, die nicht nur eine adäquate Beschreibung meiner Wohnsituation liefern. Vielleicht wird es Zeit für etwas mehr.
Dieses mehr fand ich mit meinem Freund, nennen wir ihn den Bär, und seiner besseren Hälfte, dem Erdmännchen, eines Sonntag morgens bei Kaffee und Kippe im Göttinger Tageblatt: Oberes Ostviertel, 9 Zimmer, 260qm. Ein eigenes Heim und das ab sofort.
Einige Monate zuvor am Rosdorfer Baggersee: Die selbe Konstellation, eine Idee. Warum denn keine Haus-WG gründen? Der Bär und das Erdmännchen überschlagen sich vor Enthusiasmus gebündelten Geistesblitzen von Lotta Karotta bis hin zum selbst gebauten Steinofengrill im Garten. Ich lausche verhalten. Ein Haus mieten. Sofort schießen mir Bilder von Villen und riesigen alten Steingemäuern in den Kopf, die sich durch Partybesuche im Friedländer Weg oder gemütliche Sommerabende beim Würstchen grillen im Garten von Freunden angeregt, vor meinem geistigen Auge manifestieren. Eigentlich klingt das wie Schokoladenstreusel auf der Schwarzwälder Kirschtorte, aber irgendetwas macht mir dabei Angst. Vielleicht ist es die in die Hausgemeinschaft integrierte noch recht frische Partnerschaft, die mir einen kleinen Hieb in die seitliche Magengegend versetzt. Doch um ehrlich zu sein, lassen sich jetzt, am brennenden Kaminfeuer, die Beine gemütlich auf dem Wohnzimmertisch ausgestreckt, das Notebook auf dem Schoß, den Blick ins Grüne gerichtet, meine Ängste von der Zeit am See vor fünf Monaten nicht mehr nachvollziehbar rekonstruieren. Sagen wir also einfach: ich war besorgt.
Vom See zum Sonntag morgen: Die erste Annonce, bei der es sich lohnt, anzurufen. Monate lang vollzog sich eine relativ unstrukturierte, sporadische und äußerst ernüchternde Internetrecherche, die zu keinerlei Ergebnissen führte. Der Erkenntnisgewinn überrascht ungemein: es ist gar nicht so leicht, ein WG geeignetes Haus in Göttingen zu finden, nicht zuletzt aufgrund der überaus unangenehmen Immobiliensituation, dank des in den letzten Monaten so oft darüber gestolperten „doppelten Jahrgangs“. Umso absurder scheint plötzlich diese Anzeige wie von Geisterhand in der Tageszeitung aufzublitzen. Der Besichtigungstermin ist nur einen Anruf entfernt. Der Mietvertrag nur eine Unterschrift. Die Vermieter freuen sich sogar schon förmlich auf den frischen Wind einer jungen Kommune und ziehen uns sofort den bisher interessierten Familien vor. Ist das nicht fast zu gut, um wahr zu sein? Das immaginierte Bild einer alten Stadtvilla am Cheltenham überkreuzt sich zwar mit dem 70er Jahre Baustil eines Einfamilienhauses an der Grenze zu Geismar, aber man muss ja immer Abstriche machen und diese scheinen aufgrund des überwältigenden Gefühls, plötzlich und unverhofft das erste Haus zu besichtigen, nur noch wie Lappalien. Die Ansprüche relativieren sich und fließen schließlich in einem euphorisch verzerrten Knoten aus Kompromissen und blinder Distanzierung vom zuvor beschriebenen Ideal zusammen. Von beunruhigender Sorge zur hemmungslosen Euphorie. Der Bär ist natürlich meiner Meinung, da fängt die Pärchen bedingte Assimilation schon an, ihre Früchte zu tragen.
Doch was sich innerhalb der zwei Wochen vom Besichtigungstermin bis hin zur Unterzeichnung des Vertrages und des tatsächlichen Einzugs in die Gänge setzte, war eine Welle an Gedanken, Konflikten und Ereignissen, die nicht in einen Beitrag passen. Von daher: später mehr!